stachelschriften
wenn Sprache degeneriert - Teil 2
Stachelschriften
...aus Magazin blickwinkel - Ausgabe Januar 2015
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Sprache Teil 2


Wenn wir über das selbe reden,
heißt das noch lange nicht,
daß wir auch das selbe meinen.


Betrachten wir eine fiktive Gruppe, bestehend aus :
einem Deutschen Rentner um die 70, ehemals Arbeitnehmer,
einem hoch betagten, historisch interessierten ehemaligen Schullehrer,
einem türkischstämmigen Deutschen Rentner, zugewandert in den 1970-ern, Muslim,
einem serbisch- oder mazedonisch-orthodoxen Christen mittleren Alters aus dem früheren Jugoslawien,
einem Spanier, der in seiner Jugend mit seinen Eltern die Franco-Diktatur verließ,
einem Kopten aus Syrien, der momentan als Flüchtling im Aufnahmelager zwischen Muslimen lebt.


In diese Gruppe geben wir nun ein paar Begriffe zur Diskussion :
konservativ, rechts konservativ, Widerstand, Republik...
Wie lange wird es wohl dauern, bis niemand mehr weiß, wovon der andere redet ?
Ist konservativ nun Adenauers Anbiederung an die USA ?
Ist das der Traum vom links-faschistischen National-Sozialismus ?
Ist das der rechts-konservative Widerstand um Graf Stauffenberg ?
Ist Rechts auch religiös ? Im Deutschen Adel wohl schon, bei türkischen Kemalisten eher nicht.
Alleine der Begriff "konservativ" kann faschistisch, demokratisch, sozialistisch, tief religiös, aber auch atheistisch sein.

Oder nehmen wir den Begriff der gesellschaftlichen bzw. politischen Restauration.
Allgemein gesehen ist dies die Wiederherstellung einer legitimen Herrschaft, welche durch innere oder äußere Einflüsse verlorengegangen war. Nach einem erfolgten Putsch kann eine solche Rekuperation (Wiedergewinnung) als durchaus positiv empfunden werden.
Wer den Vorgang jedoch ausschließlich unter Bezug auf die Zeit und die Werke des Schweizer Staatsrechtlers Karl Ludwig von Haller betrachtet, wird zu dem Schluß kommen müssen, daß Restaurationsbestrebungen freiheitsfeindlich seien.
Sogleich gelangt man zum Begriff der Reaktion. Aus Sicht des untergehenden Adels war das sicher etwas Wünschenswertes, aus Sicht der blutigen Revolution von 1789 wurde "Reaktion" aber zum Kampfbegriff und Feindbild.
Wer im 19. Jahrhundert außerhalb Frankreichs an seinem politischen System festhalten wollte, galt nun als "Reaktionär", also im schlimmsten Sinne des "Restaurativen".
Dabei wollte dieser nun als restaurativ diffamierte nur das behalten, was er hatte. Und das war lediglich "Konservativ".


Das selbe gilt im Umkehrschluß ebenso für "progressiv", also vereinfacht gesagt fortschrittlich, wo auch immer dieser Fortschritt hingehen mag.
Eigentlich ist progressiv im Ursprung betrachtet nur zunehmend oder wachsend, egal, was da wächst.
Sehr konsequent und erfolgreich wurde der Begriff des "progressiven" positiv besetzt.
Es gibt aber auch die progressive Demenz, progressive Geschwüre, und wenn es denn sein muß, auch die progressive Paralyse.
Es ist schwer vorstellbar, damit etwas Positives zu verbinden. Eigenartigerweise funktioniert das aber stets in Verbindung mit politischem Vokabular.
Hier hat sich sogar ein Wandel vom attributiven zum prädikativen Gebrauch vollzogen.
"Progressiv" galt einer ganzen Generation als Politikgrundsatz und stellte den Begriff der Progressivität dem fortan negativ zu belegenden Konservativismus entgegen.


Dies sind nur einige wenige Beispiele, die verdeutlichen, wie weit sich Vokabeln von ihrem Ursprung entfernen können, wenn wir die Manipulation unserer Sprache zulassen.

Hierzu kann der Rückgriff auf die rein sprachlichen Wurzeln der jeweiligen Begriffe nützlich sein.
Konservativ - bewahrend
Restaurativ - wiederherstellend
Reaktionär - eine Aktion abwehrend



Wie wollen wir jemals wieder zu einer Sprache finden, mit der wir noch in der Lage sind, Gedanken konsensual auszudrücken.
Selbst über einfachste Zusammenhänge werden wir uns nicht mehr austauschen können, wenn wir weiterhin unsere Sprache der Beliebigkeit oder gar der Manipulation preisgeben.

Wenn Naturwissenschaftler, Psychologen, Politologen oder Ideologen die Vokabel "Reaktion" diskutieren, können sie nur aneinander vorbeireden.
Je vielfältiger eine Gruppe sich zusammensetzt, um so komplizierter werden Auseinandersetzungen auf sprachlich-intellektueller Ebene.

Selbst wenn es gelingt, wieder einen sprachlichen Konsens zu finden, bleiben immer noch erhebliche Defizite in der Breitenbildung.
Diese zu überwinden oder wenigsten zu minimieren, bedarf eines hohen Maßes an Information.
Die Quellenauswahl ist hierbei zentral bedeutend.



Wen sollen wir befragen ? Wer klärt uns auf ?

Einen Sprung nach vorn zu machen, deutet auf Fortschritt und klingt prinzipiell positiv. Was hingegen Mao Zedong darunter verstand, könnte befremden. Sein "großer Sprung nach vorn" wurde sicher irgendwo im Roten Buch erläutert, aber das hat natürlich niemand gelesen.
Diese Ideologie kostete nach Angaben von Historikern rund 45 Mio. Opfer.
(Anm. d. Autors - ich hatte die Mao-Bibel sehr wohl, weil es zum Zeitgeist gehörte, gelesen habe ich dennoch nur wenige Seiten - es war eine Qual)
Würden wir ausschließlich einen maoistischen Aktivisten befragen, wenn wir uns über die Auswirkungen der Mao-Diktatur informieren wollten ?





Bezüglich Stalin, Trotzki, KPdSU und den Stalinismus als Lehre gibt es ganze Bibliotheken. Kaum jemand hat das wirklich gelesen.
(Anm. d. Autors - ich auch nur in Auszügen - dafür trieb ich mich aber ständig in der damals hochaktiven Szene rum und fühlte mich dabei ganz toll.)
Geschätzt werden bis zu 40 Mio. Opfer der sogenannten Säuberungen im Stalinismus - ohne die Kriege.
Würden wir uns vertrauensvoll an fundamental ausgerichtete Linkskreise wenden, um Informationen zu den gesellschaftlichen Folgen des Stalinismus zu erhalten ?


Unter der Diktatur von Pol Pot fand bis zu einem Drittel der Bevölkerung Kambodschas den Tod. Die ruhmreiche Kommunistische Partei Kampucheas bezeichnete den Staat als demokratisch.
In Deutschland fand diese Ideologie ihren Rückhalt im Kommunistischen Bund Westdeutschland, dessen ehemalige Mitglieder noch heute in den Linken Parteien aktiv sind. Würden wir uns von diesen Leuten erklären lassen, wer die Roten Khmer waren ?

Befragen wir Kim zu den Vorzügen des Nordkoreanischen Systems in Bezug auf dessen Kriminalstatistik ?
Lassen wir Castro die Qualität lateinamerikanischer Gesundheitssysteme erklären ?





Würden Göbbels und Konsorten noch leben, wären das unsere Ansprechpartner, falls wir etwas in "Mein Kampf" nicht verstünden ?
(Anm. d. Autors - um der Frage vorzubeugen... Ja, ich habe das Buch gelesen, und das sehr aufmerksam - das geht nicht in drei Tagen, und es ist sehr anstrengend)
Schätzungen zu nicht kriegsbedingten Opferzahlen liegen bei mindestens 13 Mio.


Alle zeitgenössischen Schriften sprechen die Sprache ihrer Epoche. Die zu verstehen, ist aus heutiger Sicht nicht leicht.
Viele der verwendeten Vokabeln bedürfen kontextualer Recherche, um deren Bedeutung zu begreifen. Alleine darum käme schon kein auch nur halbwegs vernünftiger Mensch auf die Idee, das dort geschriebene heute umsetzen zu wollen.
Der Gedanke, aus einem vorreformatorischen Bibeltext eine neuzeitliche Ideologie ableiten zu wollen, ohne jeden Satz durch die Mühle der Aufklärung zu drehen, wäre absurd.




Eine erstaunliche Ausnahme macht unsere Gesellschaft, Politik und "Qualitäts-Medien" Allen voran, bezüglich des Korans.
Hier werden Imame befragt. Man überläßt ihnen die Deutungshoheit über das dort geschriebene.
Zweifel an der Kompatibilität des dort festgelegten Weltbildes zu unserer Lebenswirklichkeit werden als phob und feindlich gebrandmarkt. Die glühendsten Anhänger dieser Ideologie werden in die TV-Sendungen geladen, wo sie das größtmögliche Propaganda-Forum erhalten, welches unsere Medienwelt zu bieten hat.

Eine öffentliche Debatte über die wörtlichen Inhalte, die möglichen Auslegungen oder gar die Folgen für unsere bestehende Gesellschaft, ist stets besetzt mit rhetorisch perfekten Vertretern genau der Ideologie, über die es zu sprechen gilt.

Niemand ist bereit, sich wirklich einmal an einem einzelnen Begriff festzubeißen. Stattdessen finden sich alle Diskutanten stets bereitwillig mit den plattesten Antworten ab, sobald diese aus dem berufenen Munde eines "studierten Islamexperten" verlauten. Islam bedeutet Frieden, oder der Islam will Frieden, etc...

Und dann wird bestenfalls noch ein anscheinend passendes Teilzitat aus einem der Verse akzeptiert, bevor die Moderation ganz schnell weiterführt.
Da sprechen dann alle Beteiligten von "Frieden", und niemand kommt auf die Idee, daß diese Vokabel für Jeden etwas grundverschiedenes bedeuten könnte.

Lesen würde helfen, aber wer tut das schon. Der Koran erklärt haargenau, was Muslime unter "Frieden" zu verstehen haben. Daran ändert auch die routinierteste Propaganda der Imame nichts.

Es steht im Buch, es steht dort wörtlich, und es ist das unveränderliche Wort - wie auch immer wir das gerne deeskalierend interpretieren wollen.


Diese Ideologie anhand derer eigenen Schriften verstehen zu wollen, ist ein sinnloses Unterfangen, sobald auch nur ein einziger dieser Propagandisten Teil der Runde ist. Den Koran zu lesen, ist Arbeit.
(Anm. d. Autors - Ja, habe das Ding gelesen, im Gegensatz zu...)
In nahezu allen Versen finden sich Vokabeln, die keinesfalls nur im Sinne unserer bekannten Inhalte zu verstehen sind.
Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Rechtleitung, Unheil, Heilstifter, Menschen, Frohe Botschaft, Abkommen, Vertrag, schriftkundig...
Alleine diese Begriffe stammen aus knapp einem Drittel einer einzigen Sure (2).
Erst wenn wir in der Lage sind, diese im Sinne der Muslime zu interpretieren, wird die Lektüre sinnvoll. Wer nun glaubt, er sein an einem Tag damit fertig, ist leider viel zu optimistisch.

In umgekehrter Richtung besteht logischerweise das selbe Problem.

Geradezu sinnlos ist der Versuch, ein komplexes Werk, wie das Grundgesetz, erklären zu wollen, wenn kein Konsens über die exakte Bedeutung der dort verwendeten Begriffe besteht.

Art 1
(1) Die -Würde- des -Menschen- ist unantastbar. Sie zu -achten- und zu -schützen- ist -Verpflichtung- aller -staatlichen Gewalt- .
Da unser GG Nicht auf Expansion ausgelegt ist, fehlt hier bewußt der Anspruch auf Verbreitung. Nicht einmal die Verteidigung ist explizit angeführt. Staatliche Gewalt hingegen wird benannt. Der Begriffsteil "staatlich" kann für Verwirrung sorgen, da nicht Jedem geläufig ist, daß es verschiedene Gewalten geben könnte. Eine muslimische Gesellschaft leitet Recht aus dem Glauben ab, nicht von menschengemachten Gesetzen.

Nur an dieser einzigen Zeile müßten wir uns Stunden lang abarbeiten, um eine gemeinsam interpretierbare Begrifflichkeit zu finden.
So lange uns das nicht gelingt, ist jeder öffentliche Diskurs - sorry - substanzloses TV-Gelaber.



Weiterer Lesetipp : Menschenrechtserklärung von Kairo


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