stachelschriften
70 Jahre danach
blickwinkel
...aus Magazin blickwinkel - Ausgabe Januar 2015
Text Beispiel 70 Jahre


70 Jahre danach
2015 - vor nunmehr 70 Jahren befanden sich Europa und zahlreiche Länder im Rest der Welt im letzten Kriegsjahr. Gemeint ist nicht irgendeiner der hundert-und-mehr Kriege des 20. Jahrhunderts, gemeint ist der, in dessen grossem Schatten alle nachfolgenden militärischen Auseinandersetzungen, zumindest aus unserer Sicht, stets und gerne auf das Niveau eines Konfliktes geschrumpft wurden.

Nur wenige Zeitzeugen sind noch unter den Lebenden, meist können sich diese bestenfalls auf Kindheitserinnerungen berufen, und nun ist endlich die grosse Zeit gekommen, sowohl den Kriegs- als auch den unmittelbaren Nachkriegsgeschehnissen eine zeitkonforme Fassung zu geben. Wurde bezüglich der Kriegsjahre noch bis zur letzten Patrone vielfach akribisch buchgeführt, so gab es in der neu entstehenden zivilen Gesellschaft eher wichtigeres als das Bemühen, der Nachwelt möglichst viele Zeugnisse des aktuellen Alltags zu schaffen.
Das hinterlässt eine Lücke, die nun in einer teils geradezu infamen Weise wohl gefüllt werden soll.

Ein eventuell später aufkommender Wettbewerb in Bezug auf den grösstmöglichen Anteil am nun folgenden Wiederaufbau, war sicher nicht im Fokus derer, die sich daranmachten, mit dem wenigen noch brauchbaren zu überleben. So vielen das auch bei grösstem Bemühen nicht gelang, so beharrlich hielten die Verbliebenen an der Schaffung einer neuen Zukunft fest.
Vielen als Last empfunden, erreichten von Anbeginn dieser erhofften Neuen Zeit Millionen Vertriebener die besetzten Gebiete des verbliebenen Deutschlands. Sie wurden kontinuierlich Teil des grossen Arbeitspotentials deutscher Zivilisten, die in der neuen Gesellschaftsform die Chancen nutzten und aus einem zerstörten Land wieder eine der grössten Wirtschaftsnationen schufen.

Diese Entwicklung zählt zu den bedeutenden und anerkennungswürdigen Geschehnissen der Nachkriegszeit. Möglich wurde das nicht zuletzt durch sinnvolle Wirtschaftshilfen in den Westzonen, aber in erster Linie durch eine geradezu beispiellose Integrationsleistung. Grosse wirtschaftliche und existenzielle Fragen mussten dabei zurückstehen, was vielen Beteiligten nicht leichtfiel.
Dagegen war es aufgrund gemeinsamer Kultur, Geschichte, Religion, Schicksal und vielem mehr sehr bald nur noch eine eher sportlich zu sehende Frage, wer denn nun den bedeutenderen Teil am Wiederaufbau geleistet haben könnte.

Den Wiederaufbau Europas nach dem Krieg den hinzukommenden Gastarbeitern zuzuschreiben, ist offensichtlicher Unsinn. Diese These wird schon alleine durch die jedem verfügbaren statistischen Zahlenwerke widerlegt. Dazu vergleiche man nur einige Werte bezüglich des BIP mit der Bevölkerungs- und Zuwanderungsstatistik. Daraus wird sehr schnell deutlich, dass diese enorme Aufbauleistung durch die zu dieser Zeit bereits vorhandene Bevölkerung, unterstützt durch Wiederaufbaupläne, erbracht wurde.

Die obige Behauptung gewinnt auch nicht an Wahrheitsgehalt, indem man sie grenzübergreifend verkündet. Ja, selbst in Frankreich frisst sich diese propangandistische Parole durch die Medien. Dort sollen es die fleissigen Fachkräfte aus dem nordafrikanischen Maghreb gewesen sein. In Wahrheit kamen die arbeitssuchenden Einwanderer überwiegend aus Italien und dem iberischen Raum. Erst die weiter fortschreitende Industrialisierung, die zunächst mehr auf nominale Produktionssteigerung setzte als auf effizientere Automation, führte zur weiteren Öffnung der Arbeitsmärkte.


In Frankreich war es zunächst vorrangig die Automobilindustrie, die zur Gewinnung möglichst billigen Humankapitals neue Rekrutierungsregionen erschloss. In grosser Menge verfügbar waren die meist des Lesens und Schreibens unkundigen Männer aus Nord- und Westafrika. Diese waren gemäss kapitalistischer Prinzipien höchst willkommen. Gedanken an künftige kulturelle Risiken sowie die unweigerlich aufkommende Soziale Frage waren unerwünscht.
Zu dieser Zeit hatte die Phase des rasanten wirtschaftlichen Aufbaus, die als die "Trente Glorieuses" bekannt wurden, längst begonnen.

Auch wenn der Wiederaufbau Europas nach dem Kriege nur anhand einer Vielzahl von Faktoren erklärbar ist, auch wenn unterschiedlichste Erklärungsmodelle diese Faktoren in ihrer Bedeutung noch so differenziert werten mögen,
...die Zuwanderung aus den aussereuropäischen Ländern so weit in den Vordergrund zu rücken, wie es in jüngster Zeit medial unterstützt geschieht, zeigt sowohl in Bezug auf Frankreich als auch auf Deutschland geradezu ärgerliche propagandistische Züge.
In der Folge mindert die unreflektierte Verbreitung derart unwissenschaftlicher Thesen die Anerkennung der grossen Aufbauleistung aller Europäischen Völker unmittelbar nach dem Weltkrieg, was an Geringschätzung und Verachtung kaum zu überbieten ist.

Diese Leistung heute, aus der gegebenen zeitlichen Distanz, den Arbeitsmigranten zuzuschreiben, kann sehr schnell zu ebenfalls unüberlegten Gegenreaktionen führen, vor denen wir uns in aller Vernunft hüten sollten.
Allzu schnell wären wir dann bei einer pauschalen Leugnung des Leistungsanteils von Arbeitsmigranten zum Wohlstand unserer heutigen europäischen Gesellschaften.
Alle Beteiligten haben ihren Teil erbracht, alle Beteiligten haben ihren Teil gewonnen. Weder Nutzen noch Schaden, weder die teils unanständigen Profite noch die sozialen Verwerfungen, kann irgendeine Gruppe alleine für sich reklamieren.

Die wirtschaftliche Situation Europas, unser Lebensstandard, in nahezu aller Welt bewundert, gründet auf einer gemeinsamen Leistung.
Die schnelle Rückbesinnung auf einen gemeinsamen Wertekanon, der sofortige Wille, angesichts durchlebten Elends und Grauens, dennoch den Neubeginn anzugehen, und die Fähigkeit, alle noch verfügbare Kraft für eine neue Zukunft aufzubringen - das war Beginn der Wiederaufbaus.
Unterstützt durch im wesentlichen westliche Aufbauhilfen, aus welchen weiteren Überlegungen auch immer, entwickelte sich der Neubeginn zu einem Aufschwung, der sehr bald die Bezeichnung des Wirtschaftswunders tragen sollte.

Den Start dieser Entwicklung verdanken wir den Überlebenden der vorangegangenen Kriegsjahre, den Heimkehrern, den Heimatvertriebenen Deutschen, den Überlebenden aus Vernichtungs-, Internierungs- und Gefangenenlagern.
Das Gelingen des Neustarts verdanken wir neben all diesen Fleissigen auch einigen besonnenen Politikern dieser Zeit.
Diese Entwicklung weitergetragen zu haben, ist das Verdienst von Allen, also durchaus auch der später hinzugekommenen Arbeitsmigranten.
Wer heute diesen Erfolg alleinig einer bestimmten Gruppe zuschreibt legt europaweit Feuer an den ohnehin fragilen sozialen Frieden in unseren Gesellschaften.