stachelschriften
Auszüge aus der Fragestunde zum Buch Hein Michel
blickwinkel
Hein Michel - Bundesrepublikanische Alltagsgeschichten
Transkript 2

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Frage 12 blickwinkel:
00:54
Ist Hein Michel ideologisch?

Autor:
Ich hoffe nicht.
Ideologisch wäre er, wenn er die Leser in einer bestimmten Spur hielte.
Genau das tut er nicht.
Die Geschichten sind zu kurz, als daß sie zu fertigen Lösungen führen könnten.
Sie sollen auch keine Lösung vorgeben. Die Leser sollen im Idealfall den Wegweisern folgen. Denken sollte man schon selbst.

Hein ist keine Bibel, kein Manifest und schon gar keine Handlungsanleitung.


Frage 13 blickwinkel:
01:07
Welchen Nutzen soll ich als Leser denn gewinnen,
wenn ich doch keine Lösungen finde?

Autor:
Die Lösungen liegen nicht im Buch.
Als Bild gesehen, führen die Episoden wie ein Pfad durch den Alltag der Michels.
Am Rand des Weges stehen zahllose Wegweiser.
Ein Jogger wird sie alle übersehen. Wer den Wegzeichen folgt, findet Erkenntnisse, die notwendig werden,
sobald der zweite Teil des Buches erreicht ist.
Spätestens beim Dritten Teil wird jeder das Buch verlassen, der sich nicht sorgfältig herangearbeitet hat.

Das ist immer noch keine Lösung,
aber wenn es für uns noch eine Lösung geben sollte, dann wird sie schmerzliche Ähnlichkeiten mit diesem Dritten Teil zeigen.


Frage 14 blickwinkel:
01:12
Auch diesen Dritten Teil habe ich natürlich gelesen, und ich habe ihn als eine Fiktion begriffen.

Autor:
Dieser Teil ist auch als Traum benannt. So gesehen, ist die Klassifizierung als Dystopie sicher richtig.
Das war zumindest so gemeint, als diese Geschichte verfaßt wurde.
In vielen Punkten hat uns die Realität aber eingeholt.
Am rein fiktiven Charakter kann also inzwischen gezweifelt werden.


Frage 15 blickwinkel:
01:22
Wandelt sich nur der fiktive Hein vom Spießer zum Rebellen?
Oder sehen Sie Chancen, daß der reale Deutsche Michel sich erhebt?

Autor:
Eine Dokumentation über "die realen Heins dieser Welt" wäre bestimmt sehr deprimierend.
Diese Depression müssen wir nicht auch noch in den Hein-Michel-Episoden transportieren.
Ich bewege mich gerne im Spannungsfeld zwischen Utopie und Wirklichkeit.
Und ich hoffe, mit diesem Buch beide Grenzen berührt zu haben, also auch die Grenzen zum Positiven. Unter welchen Bedingungen der tatsächliche Michel aufstehen wird, möchte ich nicht beschreiben müssen.


Frage 16 blickwinkel:
01:29
Verstehe ich die nachgestellten Texte im Buch richtig?
Ich soll nun Aktivist werden?

Autor:
Zunächst einmal gilt es wie immer, eine Situation zu erkennen,
dann folgt die Ursachen-Analyse mit der Frage nach dem Warum.
Dazu gehört die Suche nach den treibenden und den ausführenden Kräften.
Eine Meinung zu haben, ist in Ordnung.
Besser ist es, auch zu wissen, warum man sie hat.
Lediglich mit einer Meinung gleich auf die Straße zu gehen, ist kaum zielführend.
Wer aber weiß, warum und gegen wen er die Faust erhebt, der sollte es auch tun.
Jeder auf seinem Platz, mit den Mitteln, die er hat, und den Möglichkeiten, die ihm gegeben sind.


Frage 17 blickwinkel:
01:41
Wie darf ich das "AHU" ganz am Ende des Buches verstehen?
Ist das nicht doch ein Aufruf zu Gewalt?

Autor:
Mit einer solchen Frage ist zu rechnen.
Nehmen wir das "AHU" doch einfach als Aufforderung an den Leser, auch diese Geschichte noch zu recherchieren.
Auch daraus läßt sich viel lernen.
Das geht weit hinaus über Friedrich Schillers "Wanderer, kommst Du nach Sparta..."

Auch DAS bietet nicht die Lösung, aber es verhindert eventuell, daß man dem Wahnsinn anheim fällt, wenn es so weit ist.


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Frage 18 blickwinkel:
02:28
Zum Ende möchte ich noch kurz auf den zweiten Teil im Buch eingehen.
Ich treffe dort an zahlreichen Stellen auf ein doch eher aggressives Vokabular.
Obendrein finde ich dort sehr wohl ideologische Aussagen.
Verfolgt das Buch vielleicht nicht doch politische Ziele?

Autor:
Ich wünschte, Vokabeln wären die einzigen Aggressionsmittel einer Gesellschaft.
Aggression oder gar Gewalt bahnt sich vorwiegend dort physische Wege, wo das Wort versagt.
Der angesprochene zweite Teil des Buches steht bewußt im Gegensatz zu den Kurzgeschichten des ersten Teils.
Die Szenen reflektieren den kleinen Teil der Gesellschaft, der zum Widerstand bereit ist.
Auch diese Minderheit sollte Beachtung finden. Wir werden sie noch brauchen.


Frage 19 blickwinkel:
02:34
Die dort getroffenen Aussagen sind aber doch ganz klar Rechts.
Sind Sie ein Rechter Autor?

Autor:
Wie gesagt, es ist die Reflexion eines Teils der Gesellschaft.
Ich selbst sehe mich weder als Hein noch als sein Widerpart.
Eine Recht-Links-Verortung sehe ich ohnehin nicht.
Wie schlicht muß die Gedankenwelt derer sein, die uns in der Gesäßlogik von Rechts und Links die Welt erklären wollen...

...was war die andere Frage noch?


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Frage 20 blickwinkel:
02:36
Hat das Buch politische Ziele?
Wenn ja, welche?

Autor:
Zunächst einmal ist "politisch" ein absoluter Begriff. Das verlangt nach einer klaren Ja-Nein-Entscheidung.
Politisch wirksam? Eher nicht - dazu ist die Auflage zu klein.
Politisch gewollt? Im Sinne der Korrektheit sicher nicht.
Politisch gemeint? Hein ist Teil der Gesellschaft, er repräsentiert Teile der Polis - in so fern Ja. Politik gibt die Regeln eines Gemeinwesens vor. Dazu fehlt allen beschriebenen Figuren die Macht.
Diesbezüglich können sie gar nicht politisch sein.
Spätestens seit Rom besteht ein gewisser Konsens, daß Politische Macht auf Autorität beruht.
Ich wüßte nicht, worin Hein einen Anspruch auf Autorität begründen sollte.
Also auch aus dieser Sicht ein klares Nein.


Frage 21 blickwinkel:
02:57
Wenn Sie also damit sagen,
das Buch bewegt nichts, es bewirkt nichts, hat keine politischen Ziele,
worin liegt dann der Sinn, wenn es doch keine Antworten gibt?

Autor:
Ein Buch sollte nicht antworten.
Meiner Auffassung nach sollte es zu Fragen anregen, und es sollte Leser ermutigen, nach Antworten zu suchen.
Die Antworten sollten die Bibliothelen geben - niemals ein einzelnes Buch.
Einzelne Bücher, die den Anspruch erheben, aus sich heraus Antworten zu haben, sind gefährlich.
Einzelne Autoren, selbst wenn sie sich einiger Co-Autoren bedienten, versuchten immer wieder, Antworten auf komplexe Fragen zu geben.
Vorzugeben, dies sei die Lösung, ist faschistoid.
Antworten werden nicht durch einzelne Autoren gegeben, das wäre anmaßend.
Antworten werden durch Leser gefunden, und auch nur dann, wenn sie sich widersprüchlichen Sichtweisen öffnen.
Sich einer These anzuschließen, darf nie die Lösung sein.
Und die selbst gefundene Synthese sollte auch nur ganz individuell als Antwort dienen.




Es gibt Antworten von allgemeiner Gültigkeit. Die liegen außerhalb jeglicher Literatur.
Die Antworten auf die wirklich zentralen Fragen waren ohnehin schon immer non-scriptum.
Schauen Sie auf diesen kleinen See, beobachten Sie das Treiben in den Uferböschungen, betrachten Sie die alten Bäume, wie sie sich im erodierenden Boden zum Wasser neigen, während sich bereits zahllose Mycelien am Wurzelwerk nähren.
Ob es diese Baumriesen nächstes Jahr noch gibt?
Wirklich alte Bäume sind hier eher selten.
Das wird schnell klar, wenn man sich der Geschichte des Landes erinnert. Nur sehr wenige von ihnen standen hier schon vor 1914, aber auch die jüngeren verlieren nun ihre Verwurzelung.
Wie sehr wir uns in diesen Bäumen wiederfinden, wäre ein ganz anderes Thema.
Vielleicht an einem anderen Tag, an einem anderen Ort.
Es gibt viele Orte, an denen wir Antworten finden können. Manchmal sind Bäume besser als Bücher.


blickwinkel:
03:07
Ich danke Ihnen für das Gespräch und auch für diese letzte Depression




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